Wozu braucht es Sex?

Wozu braucht es Sex?

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Philipp Wehrli, 1. Juni 2006


Diese Frage ist weder die Scherzfrage eines pubertierenden Schülers, noch stammt sie von einer frustrierten Emanze, nein, sie ist eines der hartnäckigsten Rätsel der Evolutionsbiologie. Die sexuelle Fortpflanzung bringt aus Sicht des Biologen vor allem einmal einen enormen Aufwand. Dennoch pflanzen sich praktisch alle Lebewesen der Erde ab und zu sexuell fort. Was bringt sie dazu? -Vielleicht kommt die frustrierte Emanze der Wahrheit am nächsten: Müssen wir Gene, die Sex fördern, als Krankheitserreger betrachten?

Viele Lebewesen können sich rein asexuell fortpflanzen, sei es durch reine Zellteilung wie bei Einzellern, sei es über Wurzeln, wie z. B. bei den Erdbeeren, oder sei es, dass sie ganz einfach ohne Befruchtung Nachkommen bilden. Diese Asexuelle Fortpflanzung kann über Generationen funktionieren. Weshalb bleiben die Lebewesen nicht dabei?

Natürlich macht Sex Spass, das wissen auch die Evolutionsbiologen. Aber ein Evolutionsbiologe würde sich fragen: Weshalb macht Sex Spass? Die Lebewesen können nur Spass am Sex haben, weil Sex ihnen in der Evolution einen Vorteil gebracht hat. Was ist der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung?

Sex bringt für jedes Lebewesen vor allem einmal grosse Kosten. Das gilt nicht nur für den zahlenden Freier, es gilt auch für den Liebhaber, der nächtelang Gedichte schreibt, für die Geliebte, die diese Gedichte lesen muss, und es gilt sogar für die Prostituierte, die eigentlicht am Sex verdienen will. Ein Lebewesen, das sich sexuell fortpflanzen will, muss erstens einen anderen Partner finden und von seinem Plan überzeugen. Bei dieser Suche läuft es Gefahr, von einem Fressfeind getäuscht zu werden, der sich als Artgenosse ausgibt. Zweitens muss es möglicherweise andere Konkurrenten ausschalten. Drittens setzt es sich der Gefahr aus, vom Partner infiziert werden (Krankheiten wie Aids gibt es nicht nur beim Menschen). Und viertens kann es nach all diesen Bemühungen doch nur die Hälfte seiner Gene reproduzieren. Was bringt ein Lebewesen dazu, diese überragenden Nachteile in Kauf zu nehmen?

Der Vorteil, den Sex bringt, müsste geradezu überragend sein, denn es gibt kaum eine Art, die sich nicht ab und zu auch sexuell fortpflanzt. Es reicht nicht, wenn sexuelle Fortpflanzung Vorteile bringt. Ein Organ wie das Linsenauge scheint auch viele Vorteile zu bringen. Trotzdem gibt es viele Lebewesen, die keine Linsenaugen haben. Überleben ist auch ohne Linsenauge möglich, also gibt es auch Lebewesen ohne Linsenaugen. Obwohl Linsenaugen Vorteile bringen, verbreiten sie sich nicht über alle Arten. Eine Eigenschaft verbreitet sich nur dann über alle Arten, wenn sie absolut überlebensnotwendig ist. Darin besteht das Rätsel der Sexualität: Die Biologen müssten nicht nur einen Vorteil finden, der die schwerwiegenden Nachteile für alle Arten aufwiegt. Sie müssten beweisen, dass Überleben ohne Sex praktisch unmöglich ist.

Unter Biologen kursieren zwei Antworten auf dieses Dilemma. Nach der einen dient Sexualität dazu, Gene schneller auszutauschen, so dass die Art anpassungsfähiger wird. Nach der anderen ist die Durchmischung der Gene ein Trick bei der Abwehr von Parasiten. Die Parasiten müssen sich in jeder Generation in einer neuen Umgebung zurecht finden und können sich nicht über Generationen an ein Individuum anpassen. Dank diesem Trick könnten dann die Krankheitserreger bekämpft werden, die ohne Geschlechtsverkehr gar nicht übertragen worden wären. Zweifellos, kann es von Vorteil sein, die Gene schnell auszutauschen und zu durchmischen. Wem würde nicht spontan fünf bis zehn Gene einfallen, die er ausgetauscht haben möchte? Aber reicht dies wirklich, um der Sexualität diese überragende Bedeutung zu geben, sie zur Eigenschaft sine qua non zu erheben, ohne nicht mehr als eine Handvoll Arten überleben können?

Es gibt in dieser Frage einen Aspekt, der zwar jedem Evolutionsbiologen klar ist, der aber dennoch kaum je in den Antworten erwähnt wird: Es ist ein Irrtum zu glauben, Sex müsse irgendeinem Individuum einen Vorteil bringen. Kein Gen interessiert sich dafür, ob es dem Individuum gut tut. Das Gen will nur sich selber so stark wie möglich vermehren. Gene, die Sex fördern, sind egoistische Gene, die mit Krankheitserregern verglichen werden müssen.

Unter Krankheitserregern gibt es eine ganze Reihe von vergleichbaren Beispielen. Ein Grippevirus bringt sein Opfer zum Niesen und breitet sich dadurch aus. Der Neurologe Oliver Sacks beschreibt eine achtzigjährige Frau, die als Nachwirkung von Syphilis sexsüchtig wird (Sac 1). Wenn dies eine typisches Symptom von Syphilis ist, ist es jedenfalls eine erfolgversprechende Strategie, die Krankheit zu verbreiten. Beim Toxoplasmose Erreger ist die Strategie sogar noch raffinierter. Die Erreger fördern beim Fuchs die Verdauung, so dass dieser vermehrt Kot abwirft. Der Kot wird von Mäusen gefressen. In den Mäusen wandert der Parasit ins Gehirn und stört dieses so, dass die Mäuse die Angst vor Füchsen verlieren. Ausser diesem Verlust der Angst bleiben die Mäuse völlig gesund. Der Erreger will die Mäuse ja nicht schädigen, denn für ihn ist es auch wichtig, in einem gesunden Wirt zu leben. Wenn die Mäuse von einem Fuchs gefressen werden, schliesst sich der Kreis.

Niemand fragt, welche Vorteile die Parasiten und Krankheitserreger dem Wirt bringen. Ebenso wenig müssen wir uns fragen, welche Vorteile Sex bringt. Gene, die die Sexualität fördern, -ich nenne sie Sexgene-, verbreiten sich auch dann schnell, wenn sie dem Träger schaden. Wie soll dies geschehen?

In jeder Population gibt es erfolgreichere und weniger erfolgreiche Individuen. Eine Mutation geschieht normalerweise auf einem durchschnittlich erfolgreichen Individuum. Wenn die Mutation das Individuum stärkt, steigt dieses über den Durchschnitt und überlebt. Ist die Mutation ungünstig, stirbt sie früher oder später aus. Der Erfolg einer normalen Mutation hängt deshalb erstens vom Zufall ab, ob sie auf einem gut oder auf einem schlecht angepassten Individuum geschieht, und zweitens in weit geringerem Masse davon, ob sie dem Träger nützt oder nicht. Der Nutzen der Mutation spielt eine viel kleinere Rolle, als der Zufall, weil die meisten Mutationen nicht lebensentscheidend sind.

Bei Sexgenen liegt eine völlig andere Situation vor. Wenn ein Sexgen auf einem durchschnittlichen Individuum entsteht, wird sich das Individuum mit anderen Individuen paaren. Dabei wird das Sexgen sehr rasch auch auf ein sehr erfolgreiches Individuum übertragen, auch wenn es selber überhaupt nichts zum Erfolg beiträgt. Sexgene gelangen fast immer sehr rasch zu den besten Trägern. Sie verteilen sich natürlich auch auf die schwachen Individuen, aber das macht nichts. Das einzige was zählt, ist, dass sie immer auch zur Gruppe der Sieger gehören. Die Durchmischung der Gene durch Sexualität dient nicht dazu, Parasiten abzuwehren, sondern sie ist im Gegenteil die parasitäre Strategie einiger schwacher Gene, möglichst rasch auf die erfolgreichsten Lebewesen zu kommen. Wenn das Gen einmal auf den erfolgreichsten Individuen ist, überlebt es auch, wenn es den Träger ein bisschen schwächt.

Die Sexgene kriegen also offensichtlich alles, was sie begehren. Welche Behandlung hilft aber mir, der ich bis ins Innerste von parasitären Sexgenen durchdrungen bin? -Ich halte es mit Oliver Sacks Syphilis-Patientin: “Ich weiss gar nicht, ob ich überhaupt eine Behandlung will. Ich weiss zwar, dass es eine Krankheit ist, aber sie hat dazu geführt, dass es mir gut geht.”


Weiterführende Artikel auf dieser Homepage:
Darwins Evolutionstheorie
Evolution des Linsenauges

Externer Link:
Zeit online: Toxoplasmose

Weiterführende Bücher:

Dawkins Richard, ‘Das egoistische Gen’, (1996), Rowohlt.
Nach Darwin überleben alle genügend gut angepassten Lebewesen. Dawkins hat als erster erkannt, dass nicht primär die Lebewesen und Arten selektioniert werden, sondern letztlich die Gene. Diese subtile Unterscheidung hat einige bemerkenswerte Konsequenzen, über die es sich nachzudenken lohnt.

Philip Wehrli, ‘Das Universum, das Ich und der liebe Gott’, (2017), Nibe Verlag,

Das Universum, das Ich und der liebe Gott

In diesem Buch präsentiere ich einen Gesamtüberblick über mein Weltbild: Wie ist das Universum entstanden? Wie ist das Leben auf der Erde entstanden? Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Braucht es dazu einen Gott?
Viele Artikel dieses Blogs werden in diesem Buch in einen einheitlichen Rahmen gebracht, so dass sich ein (ziemlich) vollständiges Weltbild ergibt.

Leserunde bei Lovelybooks zum Buch ‘Das Universum, das Ich und der liebe Gott’, von Philipp Wehrli (abgeschlossen)

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