Die Schuldenkrise – Leben wir über unsere Verhältnisse?

Die Schuldenkrise – Leben wir über unsere Verhältnisse?

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Philipp Wehrli, 7. November 2011

Ich zeige hier, dass das Schuldenproblem auch dann entsteht, wenn wir nicht über die Verhältnisse leben. Die Schulden entstehen im Gegenteil dadurch, dass einzelne sehr Reiche wesentlich weniger konsumieren als sie einnehmen. Solange wir dieses Problem nicht angehen, werden wir die Schulden nicht abbauen können. Mit den heute präsentierten Vorschlägen können wir das Schuldenproblem nicht lösen. Sie sind bestenfalls Symptombekämpfung. In weiten Teilen verschlimmern sie das Problem sogar.

1. Wie entstehen die Schulden?

Fast alle Staaten der Welt, aber auch viele Privatpersonen und Unternehmen sind massiv überschuldet. Da scheint klar: Wir leben über unsere Verhältnisse! Jede Hausfrau weiss: Du kannst nur so viel ausgeben, wie du einnimmst. Wenn jeder einzelne nach dieser simplen Regel wirtschaften würde, gäbe es keine Verschuldung. So klingt es von Politikern fast aller Parteien, von Ökonomen und Journalisten, wie auch am Stammtisch.

So logisch diese Hausfrauenregel klingt, auf die Staatsschuldenkrise angewendet ist sie falsch.

Wir leben zweifellos über unsere Verhältnisse, was den Verbrauch natürlicher Ressourcen angeht (siehe dazu den Artikel: Wer hat Angst vor Mathematik?). Aber die Verschuldungskrise hat nichts, wirklich nichts, mit luxuriöser Lebensweise zu tun. Wir könnten problemlos doppelt so viel produzieren. Wir haben Arbeitslose. Wir haben Kurzarbeit. Wir haben Fabriken, die nicht ausgelastet sind. Fragen Sie einmal einige Unternehmer! Fast jeder Unternehmer könnte problemlos mehr produzieren und verkaufen und würde sich über Aufträge freuen. Gehen Sie mal in die Opelwerke! Da sagt Ihnen niemand: “Wir müssen den Griechen so viele Autos liefern, dabei haben wir schon für uns Deutsche zu wenig!”

Wir hatten in den letzten 150 Jahren eine unglaubliche technische und wissenschaftliche Entwicklung. Was früher 20 Knechte schufen, schafft heute ein einziger Bauer mit dem Mähdrescher. Wir setzen mehr als je zuvor Energie ein, um mit Maschinen und Apparaten unsere Arbeit zu vereinfachen und zu verringern. Aber auch im strukturellen Bereich und in der Ausbildung haben wir gewaltige Fortschritte gemacht. Wir arbeiten heute x-fach effizienter als vor 150 Jahren. Selbst wenn wir komfortabler leben als damals, müsste eine 2 oder 3-Tage-Woche problemlos reichen, um die gewünschten Güter herzustellen. Wenn wir verschuldet sind, so liegt das mit Sicherheit nicht daran, dass wir zu wenig arbeiten oder zu viel ausgeben. Das Problem muss an einem anderen Ort liegen.

Für die Wirtschaft ist unser Konsum kein Problem. Der Nicht-Konsum ist das Problem. Machen wir doch einmal ein konkretes Beispiel. Angenommen, die Menschen der ganzen Welt produzieren und verkaufen Güter und Dienstleistungen im Wert von 100 Milliarden Euro. Diese 100 Milliarden werden in Form von Löhnen, Dividenden oder als Unternehmensgewinne verteilt. Dann werden vielleicht 80 Milliarden zum Konsum genutzt. Aber 20 Milliarden werden gespart. Diese 20 Milliarden fehlen als Einnahmen, denn mit denen wird nichts gekauft! Wir können auf die Dauer nicht 100 Milliarden verteilen, wenn nur 80 Milliarden reinkommen!

2. Vier Lösungswege

Wir haben vier Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen. Alle vier sind schlecht, nur eine kann wenigstens das Problem lösen.

  1. Wir produzieren weniger als wir produzieren und brauchen könnten. Wir senken die Löhne, entlassen Arbeiter oder führen Kurzarbeit ein, um Lohnkosten zu sparen.
  2. Irgend jemand nimmt Kredite auf, um die fehlenden 20 Milliarden trotzdem zu konsumieren, so dass weniger Arbeitsplätze verloren gehen. Dies ist am Ende meist der Staat, weil verschuldete Unternehmen und Privatpersonen weniger kreditwürdig sind und höhere Zinsen zahlen müssen.
  3. Wir kümmern uns nicht weiter darum, dass ein Teil des Geldes gehortet wird. Die Nationalbank ersetzt dieses Geld einfach, indem sie mehr Geld in Umlauf bringt.
  4. Wir zwingen die reichen Sparer z. B. mit höheren Abgaben und Steuern, das Geld wieder zurück zu geben und so den Kreislauf zu schliessen.

3. Alle vier Vorschläge sind schlecht

Diese vier Wege sind im Wesentlichen die Lösungen, die heute praktiziert werden. Unsere Politiker wirken deshalb so ratlos in dieser Frage, weil alle vier Wege schlecht sind.

Zu 1: Sparen durch Lohnsenkungen

Die erste Lösung ist schlecht. Denn auch wenn wir nur noch 80 Milliarden Einkommen verteilen, wird es immer noch einige sehr reiche oder sehr gut verdienende Leute geben, die Geld sparen können. Es würde dann vielleicht nur noch 16 Milliarden gespart. Wir hätten aber immer noch einen Konsumausfall von 16 Milliarden. Wir wären in der gleichen Situation wie zuvor, aber unter schlechteren Bedingungen. Arbeiter entlassen, um Lohnkosten zu sparen, mag für eine einzelne Firma sinnvoll sein. Wenn eine ganze Volkswirtschaft so handelt, funktioniert es nicht. Ein Volk kann seine Schulden nicht abzahlen, indem es aufhört zu arbeiten.


Zu 2: Wer Geld hat, vergibt Kredite:

Die zweite Lösung ist auch schlecht. Denn sie ist der Beginn einer Schuldenwirtschaft. Die Reichen, die zu wenig konsumiert haben und die den Kredit vergeben, haben nun ein noch höheres Einkommen. Sie werden also noch mehr sparen. Der Konsumausfall wird noch höher ausfallen, die Kredite und damit auch die Schulden werden steigen und zwar exponentiell wachsend.

Mit der zweiten Lösung erhält man einen exponentiell wachsenden Schuldenberg. Man beachte, dass ich nichts über die Lebensweise der Menschen vorausgesetzt habe. Der Schuldenberg entsteht völlig unabhängig davon, ob jemand Geld verschleudert. Im Gegenteil: Er entsteht, weil jemand zu wenig Geld ausgibt. Die Schulden gehören zum System.

Da der Schuldenberg exponentiell wächst, erzwingt diese Lösung auch ein exponentielles Wachstum der Wirtschaft. Denn die immer höheren Kredite werden nur vergeben, wenn sie auch durch immer höheren Umsatz abgedeckt sind. Dies ist die tiefere Ursache vieler Umweltprobleme.


Zu 3: Erweiterung der Geldmenge:

Die dritte Lösung erscheint auf den ersten Blick passabel. Natürlich bedeutet eine Erweiterung der Geldmenge Inflation. Wir haben uns aber mit einer massvollen Inflation abgefunden. Die Nationalbank zielt sogar darauf hin. Oft wird behauptet, Inflation sei eine Form der Umverteilung von den Reichen zu den Armen. Dies ist keineswegs so. Bei einer Erhöhung der Geldmenge warten nämlich die Reichen keineswegs ab, bis ihr Spargeld nichts mehr wert ist. Vielmehr werden sie ihr Geld anlegen, indem sie z. B. Rohstoffe kaufen. Dadurch werden die Nahrungsmittel teurer. Die allgemeinen Lebenskosten steigen. Die Löhne der Arbeitnehmer passen sich dem meist viel langsamer an. So hat schliesslich der durchschnittliche Arbeiter das Nachsehen.

Auch bei Inflation ist es besser, reich zu sein als arm. Auch bei Inflation ist das Gleichgewicht labil: Je mehr Geld einer hat, desto leichter kann er Geld verdienen. Deswegen wird sich ein immer grösserer Teil des Geldes bei einigen wenigen Superreichen sammeln. Diese werden den Rohstoff- und Nahrungsmittelmarkt kontrollieren. Unabhängig von den konkreten Bedürfnissen werden die Nahrungsmittelpreise auf ein Vielfaches steigen. Dass der Weltmarkt heute weitgehend so läuft, sieht man daran, dass alle Rohstoffpreise praktisch synchron steigen und sinken. Das tägliche Essen wird nicht teurer, weil schlechte Wetterbedingungen die Ernte zerstören, sondern weil die Anleger überschüssiges Geld haben, mit dem sie Getreide kaufen. In Europa merken wir dies kaum. Aber in Ländern, in denen 50% des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben wird, spielt es eine Rolle, ob das Getreide plötzlich 10% teurer wird. Wie schon bei Vorschlag 2 wird es zu einer Verknappung der Ressourcen kommen, unabhängig davon, wie sparsam wir leben.

Auch die Erweiterung der Geldmenge muss nach Möglichkeit durch ein Wirtschaftswachstum abgedeckt werden. Denn das Geld wird ja als Kredit in Umlauf gebracht. Auch diese Lösung führt also zu Umweltproblemen.


Zu 4: Umverteilung von oben nach unten:

Diese Lösung ist schlecht, weil sie ein wichtiges Prinzip der Marktwirtschaft missachtet: Arbeit muss sich lohnen. Wer mehr leistet, muss belohnt werden. Wenn die Erträge wie im Kommunismus gleichmässig verteilt werden, gibt es keinen Anreiz, etwas zu leisten.

Dennoch dürfen wir die Lösung nicht voreilig verwerfen. Denn Superreiche verdienen ihr Geld nicht durch Leistung. Viele Superreiche haben ihr Vermögen geerbt. Sie vermehren es durch Kapitalerträge, ohne dafür eine Leistung zu erbringen (Kis 1). Wenn wir diese leistungslosen Einkommen einschränken, würden wir damit das Prinzip der Marktwirtschaft sogar stärken. Wir würden den Wettbewerb verstärken, wenn die Anfangsbedingungen nicht so ungleich wären. Auch für sehr talentierte und engagierte Menschen ist es schwierig, mit jemandem zu konkurrenzieren, der eine Milliarde geerbt hat und pro Jahr 50-100 Millionen Zinsen kriegt, ohne dafür zu arbeiten. In der Schweiz gibt es jedes Jahr vier Menschen, die mehr als eine Milliarde erben, auch wenn sie noch nie etwas geleistet haben (Kis 1).

So schlecht diese Lösung ist, sie ist die einzige, die das Problem wirklich angeht.

4. Zusammenfassung

Das Schuldenproblem ist nicht lösbar, wenn wir die Schulden als Folge von Verschwendung ansehen. Die Ursache liegt vielmehr darin, dass die wenigen Superreichen und Topverdiener nur einen Bruchteil ihrer Einkommen für den Konsum brauchen. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Denn jeder Euro, der gespart wird, erhöht entweder die Gesamtschuld um einen Euro (nämlich, wenn er als Kredit auf den Markt zurück fliesst). Oder er fehlt beim Konsum, was zur Folge hat, dass die Einkommen sinken.

Es gibt nur zwei Wege, die Verschuldung abzubauen: Die Superreichen müssen mehr Geld ausgeben oder sie dürfen nicht so viel einnehmen.

Diese Forderung hat nichts mit Neid zu tun. Es ist vom ökonomischen Standpunkt her nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand 30 Millionen im Jahr verdient, solange er dieses Geld auch ausgibt. Wenn er es aber spart, entsteht ein Problem. Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern eine mathematische Tatsache. Wer das bestreitet, kann nicht rechnen.

Wenn man dies einmal verstanden hat, muss man nicht mehr viel von Ökonomie verstehen um zu sehen, ob ein Vorschlag dazu taugt, das Schuldenproblem zu lösen. Dabei ist wichtig zu sehen, dass die Superreichen keineswegs unsere Feinde sind. Im Gegenteil: Viele von ihnen oder wenigstens ihre Vorfahren haben Hervorragendes für die Allgemeinheit geleistet. Deswegen sind sie reich geworden. Sie haben ein Interesse an einer funktionierenden Wirtschaft und an einer stabilen Gesellschaft. Wenn wir überzeugende Vorschläge präsentieren, wie diese Gesellschaft aussehen soll, werden die meisten von ihnen mitarbeiten. Aber es ist an uns, die Führung zu übernehmen.

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